Über das Bild vom Menschen in der Psychotherapie
Jede Weise der Arbeit am Menschen, sei sie medizinischer, pädagogischer,
psychologischer oder seelenheilkundlicher Art, wird sich und anderen
Rechenschaft darüber abgeben wollen, woraufhin ihr Wirken zielen
möchte; unterschiedlich in bezug auf den "Gegenstand"
werden auch die Aspekte hinsichtlich der "Vollendung"
desselben voneinander differieren.
Die Beseitigung von Erkrankungen des Körpers und die Wiederherstellung
der Gesundheit im funktionalen Sinne sind mögliche Resultate
eines "erfolgreichen" medizinischen Wirkens, insoweit
etwa durch eine Verletzung die Funktionsstörung einer Gliedmaße
offensichtlich ist. Heilung kann hier verstanden werden als die
Genesung des Körpers, dessen Regenerations-Kräfte eine
Restitution seiner Unversehrtheit ermöglichten. "Gesund"
ist der Mensch, wenn es gelungen ist, die Verletzung zu heilen und
die vormalige körperliche Funktionstüchtigkeit wiederzugewinnen.
In analoger Weise mag sich ein psychologisch-psychotherapeutisch
begründetes Arbeiten am Menschen skizzieren lassen, das sich
auf die Beseitigung von Störungen im seelischen Gefüge
konzentriert. Es ist in unseren Tagen nicht schwer, zahlreiche Symptome
eines aus den Fugen geratenen psychischen Lebens auszumachen; je
nach psychologischer Schulrichtung kann sich psychotherapeutisches
Bemühen z. B. auf ein Verstehen-Lernen der Symptom-Ursachen
beziehen, um durch Aufdeckung der zugrundeliegenden Zusammenhänge
zur Auflösung der Störungen zu gelangen; eine andere Herangehensweise
ist die in lerntheoretischen Konzepten begründete Behandlung
eines als problematisch erlebten Verhaltens bzw. Empfindens, wie
sie etwa in der Verhaltenstherapie praktiziert wird.
Wie aber ist zu verstehen, daß heute immer mehr Menschen
am "Leben im allgemeinen" kranken? Nicht mehr sind es
nur einzelne Symptome, unter denen sie leiden und durch die sie
ihren Lebens-Verlauf behindert fühlen; vielmehr empfinden sie
sich im Ganzen als nicht mehr in der rechten Ordnung, nicht mehr
in Übereinstimmung mit sich selbst. Oftmals erscheint in der
äußeren Gestalt ihres Daseins sogar alles zum besten
bestellt, nach innen hin und von innen her aber ist ein nicht mehr
überhörbares Drängen zu vernehmen, daß sich
in ihrem Leben grundsätzlich etwas ändern müsse.
Dabei ist ihr Anliegen nicht auf die Beseitigung spezifischer Verhaltensstörungen
oder die Behebung von Defiziten in ihrer funktionalen Lebensführung
beschränkt. Darüber hinausgehend ersehnen sie, sich in
einer uneingeschränkten Einheits- und Ganzheitsgewißheit
verankert spüren zu dürfen, wie sie ihnen vielleicht aus
früheren Lebensmomenten erinnerbar ist (Dürckheim spricht
von "Seinsfühlung" bzw. "Seinserfahrung")
oder wie sie ihnen mehr ahnungsweise darin vertraut geworden ist,
daß ihr Fehlen zur Quelle des Leidens wurde.
Es wird deutlich, wie unterschiedlich die jeweiligen Perspektiven
sind, aus denen heraus der Mensch bzw. das Bild vom Menschen betrachtet
werden und die bestimmend sind für das therapeutische Arbeiten:
Im symptom-orientierten Kontext werden Störungen des gewohnten
Lebens-Ablaufs als mehr oder minder gravierende Behinderungen angesehen,
die es aus dem Weg einer rein pragmatischen Daseinsgestaltung zu
räumen gilt. Der Mensch ist seelisch gesund, wenn er sowohl
in der Selbst- wie auch in der Fremdwahrnehmung durch andere in
der Lage erscheint, sein Leben selbstverantwortlich zu führen,
den seinem Alter entsprechenden Entwicklungsaufgaben nachzukommen
und seine persönlichen Bedürfnisse in befriedigender Weise
zu erfüllen.
Anders hingegen zeigt sich der Hintergrund eines seelenheil-kundlichen
Arbeitens am Menschen, wie es beispielsweise in der Initiatischen
Therapie praktiziert wird: Hier werden "Behinderungen",
"Kerbungen" oder auch "Einschläge" innerhalb
der normalitätsangepaßten Daseinswirklichkeit primär
verstanden als Verweise auf eine notwendig gewordene ganzheitliche
Wandlung des Menschen, als heilsame AufRüttelungen
einer drängenden Kraft, die über eine vordergründige
Alltagsoberflächlichkeit hinausverweisen und in eine Vertiefung
und Intensivierung des Lebens-Ganzen im Sinne eines eigentlichen WEG-Charakters einpflichten will. Indem der so gemeinte Mensch diesem
Ruf folgt, kann er zu jener Voll-Gültigkeit seines DASEINs
gelangen, in welchem sein welt- und lebensgestaltendes Wirken durchdrungen
ist von einer Verbundenheit mit einem absoluten SEIN. Die der Initiatischen
Therapie zugrundeliegende Anthropologie hat also eine eindeutig
metaphysische Komponente: Es ist der Mensch, der sich dazu aufgerufen
weiß, inmitten seines irdischen Lebens sich seines himmlischen
Ursprungs eingedenk zu bleiben (Dürckheim), die Gegensätzlichkeiten
seiner personalen Existenz einmünden zu lassen in eine transpersonale
Verankerung. Diese darf nicht als nivellierende Auf-Lösung
oder elitäre Welt-Flucht mißverstanden, sondern als Frucht
eines nicht selten spannungsgeladenen Austragens jener Bedingtheiten
anerkannt werden, unter denen leidend der Mensch nach der tieferen
Ein-Lösung fragt.
Wer sich auf den WEG macht, erfährt mitunter, mit unausweichlicher
Vehemenz in ausgerechnet solche Erlebensqualitäten seines Lebens
"hineingeschickt" zu werden, vor denen "endlich Ruhe
zu haben" er durch den Beginn der WEG-Übung erhofft hatte.
Jetzt nicht dem Mißverständnis eines angeblich in die
falsche Richtung tendierenden Werde-Prozesses zu erliegen, sondern
vertrauensvoll weiterzugehen, kann erfahren lassen, daß vielfach
gerade im Mittelpunkt des vormals noch gefürchteten Spannungsfeldes
eine unumstößliche Festigkeit und die bergende Sicherheit
einer absoluten Stille geschenkt sind. Um im Stufengang dieses Prozesses
zur rechten Schrittfolge heranzureifen, bedarf es oftmals eines
dialog-kundigen Geleites, wie es z. B. in der Initiatischen Therapie
aufzufinden ist.
Mit anderen Worten: Der an einem spannungsverdichteten Abschnitt
seines Lebensweges angelangte, unter den "Symptomen" seiner
individuellen Unzulänglichkeiten leidende Mensch gilt im Kontext
der Initiatischen Therapie nicht als "krank" oder "behandlungsbedürftig",
sondern als von seiner persönlichen Schicksals-Kraft her aufgefordert,
im integrierenden Durchschreiten der vielleicht auch angstmachenden
(vgl. lat. "angustus" = "eng") Engpässe
zu einer Weite vorzudringen, die sich letztlich als innerster Punkt
einer umfassenden Selbst-Stimmigkeit erweist. Diese erfahren zu
dürfen, ist die Konvergenz eines durchgetragenen systematischen
"Arbeitens an sich selbst" und zugleich gnadenhaftes Geschenk.
Dieser zeitweilig sehr mühevolle Weg bewahrt nicht vor der
manchmaligen Versuchung, im scheinbar erleichternden Beiseite-Schaffen-Wollen
auftauchender Unannehmlichkeiten das Heil zu suchen. Für den
initiatisch "gezündeten" Menschen jedoch liegt in
den ihm auf seinem WEG begegnenden Qualitäten immer auch die
Berührung eines ihn meinenden größeren Ganzen, das
er schon lange als sein eigentliches Mensch-Sein sehnend sucht.
Die Initiatische Therapie und die ihr zugrundeliegende metaphysische
Anthropologie haben ihren Ursprung und ihre Manifestation in der
"Existential-psychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte Todtmoos-Rütte" - 1951 begründet und über 40
Jahre geleitet von Karlfried Graf Dürckheim (1896-1988) und Maria Hippius-Gräfin
Dürckheim (1909-2003). Hier liegt die Keimzelle für das weitverzweigte
Wirkungsfeld eines Arbeitens am Menschen, dem das oben skizzierte
anthropologische Bild zugehörig ist. In Rütte ist diejenige
Epoche, die von der unmittelbaren Tätigkeit der beiden Gründer-Persönlichkeiten
geprägt worden ist, vollendet.
Die Entschiedenheit aber, der überraumzeitlichen, auch für
ein zukünftiges Menschentum relevanten Gültigkeit eines
Wandlungs-Geschehens auf der Spur zu bleiben, das sich in je individuellen
Signaturen zu verwirklichen sucht, erhält im Erbe des Ursprungs-Geistes
und in der drängenden Kern-Kraft einer "Stirb-und-Werde"-Transformation
in Gegenwart und Zukunft eine neue verbindliche Gestalt.
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