|
"Die religiös-spirituelle Dimension in der
Rütte-Arbeit" – dieser Untertitel zu den nachfolgenden Überlegungen
könnte vielleicht den fälschlichen Eindruck erwecken, als sei die
therapeutische und WEG-begleitende Arbeit, die in Rütte gewirkt wird,
aufspaltbar in verschiedene Dimensionen. Eine dieser Dimensionen sei
dann die religiös-spirituelle. Mit einer solchen Aufspaltung würde
aber genau jener Fehler begangen, unter dem meines Erachtens weite
Bereiche heutiger seelenheilkundiger Arbeit am Menschen leiden.
Demgegenüber möchte ich aufzuzeigen versuchen, inwieweit mir im
Kontext der Rütte-Arbeit eine nie gekannte Intensität des Sehnens nach
Ganzheitlichkeit entgegenkommt, ein Hungern und Dürsten nach einer
Unversehrtheit, die jenseits aller Spaltungen, Kerbungen, Brüche des
Lebens erahnt, erhofft, manchmal auch erfleht wird. Daß diese
Unversehrtheit religiös-spirituellen, vielleicht göttlichen Charakters
sei, mag dann kaum mehr recht ausgesprochen werden wollen; dennoch ist
der so benannte Charakter eine mir persönlich entscheidend wichtige
Gültigkeit. Doch gestatten Sie mir zunächst einige hinführende
Bemerkungen:
Kann man heute noch initiatisch leben? Bekanntlich
hat Karlfried Graf Dürckheim "initiatisch" übersetzt mit "das
Tor zum Geheimen öffnen". Er führt weiter aus: "Was ist das Geheime?
Das sind wir selbst in unserem tiefsten Kern, in unserem Selbst, in
unserem Wesen. Mit 'Wesen' meinen wir hier die Weise, in der das
überweltliche göttliche Sein in jedem Menschen in individueller Weise
anwesend ist und in ihm und durch ihn hindurch manifest werden möchte
in der Welt: in der Weise, die Welt wahrzunehmen, zu gestalten und zu
lieben." (Dürckheim, K. Graf (1982): Der zielfreie Weg. Der
Mensch auf dem initiatischen Weg. In: Dürckheim, K. Graf
(Hrsg.): Der zielfreie Weg. Im Kraftfeld initiatischer Therapie.
Freiburg: Herder, S. 11.)
Historisch hat Dürckheim den Begriff "initiatisch" vermutlich
von Julius Evola entlehnt. Dieser jedoch glaubt die
initiatische Dimension einem geheimbündischen Elitekreis auserwählter
Eingeweihter vorbehalten und nur durch die Praxis konkreter magischer
Riten zugänglich. Demgegenüber ist in Dürckheims Verständnis
potentiell jeder Mensch angesprochen. Jedem ist ein tiefster Kern, ein
innerstes Selbst, ein Wesensgrund zu eigen. Und jeden Menschen kann
ein Sehnen durchdringen, in Verbindung kommen zu dürfen mit diesem
geheimnisvollen Innersten und von dort gespeist die Welt erkennend und
liebend zu gestalten.
Aber können wir uns das heute noch leisten? Ist das
heute noch gefragt, noch möglich? Besteht nicht die Gefahr einer
hoffnungslosen Weltferne für einen die Nähe zu seinem tiefsten Kern
suchenden Menschen?
Auf einer Zugfahrt nach Norddeutschland machte ich
vor einigen Wochen ein kleines Experiment: Während eines Zeitraumes
von ca. 5 Minuten waren unter den vorbeiziehenden Häusern nur wenige
auszumachen, die nicht auf dem Dach oder an einer Seitenfront mit
mindestens einer Satellitenschüssel ausgestattet waren. Sie kennen
diese Empfangsantennen, mit deren Hilfe die Strahlkraft einer etwas
anders gearteten überweltlichen Dimension, nämlich die eines
Satelliten, in jedem Wohnzimmer manifest werden und in dem Bildschirm
und durch ihn hindurch aufscheinen kann. Bezeichnenderweise nennt eine
Firma ihre Antennen: "Satan", wobei "Sat" für "Satellit" steht und
"An" für "Antenne".
Ist das nicht ein wahrhaft initiatisches Geschehen? Hier ist doch ein
Tor zu einer ehemals geheimnisumwitterten Wirklichkeit aufgestoßen
worden, die im Grunde ab sofort mit den entsprechenden technischen
Voraussetzungen für jedermann und jede Frau zugänglich ist. Im Grunde
handelt es sich um die individuelle Teilhabe an einem
weltumspannenden, auch überweltlich dimensionierten System. Dieser
Satz liegt verführerisch nah an Dürckheims Verständnis vom
Geheimen und von der individuellen Manifestation des überweltlichen
Seins.
Meines Erachtens kann die in mancherlei Hinsicht
schwierige Situation des heutigen Menschen aus zahlreichen weiteren
Blickrichtungen betrachtet werden. Ich möchte hier nur einige Aspekte
stichwortartig ansprechen:
Wir leben politisch in einer Zeit voller Vibrationen. Dabei
stehen nicht nur die Kriege in Tschetschenien, im ehem. Jugoslawien
oder im Kurdengebiet im Brennpunkt; auch die gesellschaftlichen
Spannungen in unserem eigenen Land, zwischen Ost und West, sind
unübersehbare Indikatoren problemgeladener Verhältnisse.
Wir leben geistig in einer Zeit sich auflösender
Orientierungskategorien. Wohl kaum jemand unter uns wird in der Lage
sein, geistige Kategorien oder sinnstiftende Werte zu benennen, die
von einer breiten Mehrheit als allgemeingültig verbindlich und
erstrebenswert anerkannt würden.
Wir leben seelisch in einer Zeit verwirrender und nicht selten
selbsttäuschender Vielfalt. Der magische Glanz angeblich glücklich
machender Produkte ist immer wieder neu in der Lage, die sehnende
Seele zu betören und in seinen Bann zu ziehen. Am Ende aber bleiben
ein schales Gefühl und eine jetzt erst recht quälende Unerfülltheit in
der Tiefe zurück.
Wir leben körperlich in einer Zeit zunehmender oder vielleicht
"nur" offensichtlich werdender Unsicherheiten und Bedrohungen. Wer
kann sich noch mit ruhigem Gewissen einer notwendigen größeren
Operation unterziehen, bei der er vielleicht auf die Transfusion von
fremdem Spenderblut angewiesen ist? Bei zahllosen Nahrungsmitteln
weiß man inzwischen oder muß es zumindest befürchten, daß
sie chemisch gespritzt, mit Antibiotika gedopt, BSE-verseucht oder
gen-verändert sind.
Und schließlich: Wir leben materiell in einer Zeit
wegbrechender Sicherungssysteme. Unser Sozialstaat kämpft derzeit um
die finanzierbaren Inhalte seines eigenen Namens. Die Generation der
heute 30- und 40jährigen wird sich vielleicht mit der Frage befassen
müssen, ob zukünftig noch mit einem funktionierenden Rentensystem zu
rechnen sein wird.
Ich möchte drei Menschen zu Wort kommen lassen, die
in Erstgesprächen ihre Beweggründe dargelegt haben, um einen
Aufenthalt in Rütte nachzufragen:
Eine 59jährige Frau äußert sich etwa so: "Ich habe in den
zurückliegenden Jahren, ausgelöst durch die Trennung von meinem Mann
und eine anschließende Krebsoperation, schon sehr viel für mich getan.
Ich habe Kurse besucht, Bücher gelesen, an meinem inneren Kind
gearbeitet. Doch seit einiger Zeit spüre ich, daß es eigentlich noch
viel grundsätzlicher um die Fundamente meines Lebens geht. Und auf
diesem neuen Weg brauche ich Begleitung, damit ich nicht irgendwo
steckenbleibe oder mich verrenne. Ich brauche eine neue Perspektive
für meine Seele und für meinen Alltag."
Und ein 28jähriger Mann sagt: "Es hat einen massiven Einbruch in
meinem Leben gegeben. Ich weiß nicht, woher und warum er kam; mehrere
Wochen konnte ich nur sehr schlecht schlafen. Es war eine grenzenlose
Verunsicherung dem Leben gegenüber, eine Zeit des Leidens, des
Fragens, eine Zeit der Panik. Ich weiß mit meinem Leben nicht mehr
weiter, manchmal verfluche ich es sogar. Wenn es einen Ort des
Friedens in mir gibt: wie kann ich ihn finden? Wie kann ich bei mir
ankommen, Vertrauen in meine Lebenskraft gewinnen?"
Und eine 35jährige Frau formuliert etwa folgendermaßen: "Ich befinde
mich an einer Weg-Scheide auf meinem Lebensweg. Das Alte ist nicht
mehr gültig, und das Neue greift noch nicht recht. Ich bin im Grunde
ein sehr ängstlicher Mensch und habe wohl auch viele Existenzängste.
Ich möchte mich gerne verändern, mit mehr Ruhe und Gelassenheit ins
Leben und in mich hineinschauen. Vor allem fehlt mir das Gefühl,
getragen zu sein, mich auf einen stabilen Grund hin loslassen zu
können. Ich möchte lernen, mit den Dingen des Lebens und vor allem
auch mit mir selbst anders umzugehen."
Soweit diese drei Gesprächsausschnitte. Sie mögen veranschaulichen,
daß hier Menschen aus ihrem jeweiligen ganz konkreten
Lebensalltagskontext heraus sprechen. Vermutlich haben sie über schon
einen längeren Zeitraum hinweg in vielen kleinen Lebenssituationen die
Erfahrung gemacht, daß es so nicht mehr weitergeht; etwas in
ihrem Leben hat sich geändert oder auch etwas muß sich
ändern. Alle drei stellen eine grundsätzliche, umfassende Frage: Was
ist die innerste Mitte meines Daseins? Wo ist der tiefste Grund meines
Existierens? Wie finde ich zum wahrhaftigen Wesen meinerselbst?
Es ist das Wahrnehmen, das Ernstnehmen dieses sehr grundsätzlichen
Suchens, was heute dringender denn je notwendig ist.
Gerade angesichts der heutigen Welt- und Zeitsituation gilt für
viele, daß sie die zahlreichen Einzelfacetten ihrer alltäglichen
Lebensgestaltung entspringen und einmünden erleben aus dem bzw. in das
umfassende Thema des Lebensgrundes. Hier ist der Wurzelraum
angesprochen, der in rechter Weise bereitet sein muß, damit Stamm und
Krone der sich entfaltenden Lebensgestalt in ihm beheimatet sein
können – auch innerhalb der wechselhaften Witterungsumstände des
Lebensalltages.
Im folgenden möchte ich einige Strukturelemente
initiatischen Lebens ansprechen, wie sie mir aus der Begegnung mit
zahlreichen Menschen in Rütte entgegengekommen sind.
Strukturelemente initiatischen Lebens - mögliche
Hinweise auf dem WEG
Die initiatische Sicht vom Menschen und von der
Welt ist eine mögliche unter vielen anderen. Wenn ich
also hier von "dem Menschen" spreche, so ist niemand vereinnahmt,
sondern nur derjenige gemeint, der bei dem Gesagten eine Resonanz in
sich verspürt. Über das Sein des Menschen läßt sich nicht mit
Argumenten diskutieren. Jeder wird sich dort beheimatet fühlen, wo er
eine bestätigende Ahnung in sich wahrnimmt, vielleicht auch einen
Schmerz, weil eine verschüttete Sehnsucht plötzlich aufbricht. Für
mich ist der initiatische Mensch ein solcher Klang.
Nun also ein erstes grundlegendes Element: Der
Mensch ist in dieser Welt, aber er ist nicht von dieser
Welt. Nur wenn er seines auch himmlischen Ursprungs eingedenk bleibt,
kann er unter Wasser atmen.
Es gehört zu den revolutionierenden Aspekten im Werk von Karlfried
Graf Dürckheim und Maria Hippius-Gräfin Dürckheim, daß der
"Grenzgänger des Lebens", der "Borderliner" sich als Paradigma einer
initiatischen Prägung herausstellen durfte. Wer aber ist ein solcher
initiatischer Borderliner? Im Grunde ist es jeder, der in sich die
Frage kennt, ob all das, was gewöhnlich seine alltägliche
Lebensgeläufigkeit ausmacht und tagein, tagaus geschieht, ob das denn
alles sei, worum es in der Vieldimensionalität menschlichen Daseins
gehen könne. Die Antwort auf diese Frage mutet zunächst und immer
wieder ein gehöriges Maß an Heimatlosigkeit zu; denn auch oder
sogar eigentlich in einer anderen als der uns greifbaren Welt
beheimatet zu sein, läßt das Uneigentliche und den Exilcharakter
inmitten des Greifbaren nicht länger verheimlichen. Und das mag den
Atem stocken lassen. Wem bislang schon das Wasser bis zum Halse
reichte, dem mag es nun erst recht über dem Haarschopf
zusammenschlagen. Wer bislang schon immer mal sich wie von einem
anderen Planeten stammend empfand, erfährt die vielleicht
beunruhigende Bestätigung, daß dem auch so ist. Allerdings ist im
Unterschied zur Raumfahrt die initiatische Heimfindung durch keine
noch so ausgefeilte High-Tech zu bewerkstelligen. Im Gegenteil kann
der ins Wasser Geworfene eigentlich gar nichts "machen". Oder doch: Er
kann sich dem Prozeß widersetzen und versuchen, auch weiterhin obenauf
zu bleiben. Der Schmerz der Oberflächlichkeit und des vermißten
Tiefgangs werden aber schon bald eine neue Aufforderung sein, sich
diesem "todsicheren" Grenzgeschehen zu stellen. Denn wer nach dem
fragt, was hinter der Alltagsvordergründigkeit waltet, wer also um
seine auch überweltliche Beheimatung wissen will, der muß damit
rechnen, mit einer Erlebniswirklichkeit in Berührung zu kommen, die
alles Eingrenzende, Beschränkende und Verzerrende sprengt und manches
Bisherige als nicht mehr haltbar über den Haufen wirft. Der dann
vielleicht noch geäußerte Einwand: "Ja, also so hatte ich mir
das eigentlich nicht vorgestellt!" kann – hoffentlich – nichts mehr
aufhalten.
Und wer bereits in Atemnot geraten ist, darf möglicherweise erfahren,
daß in grundsätzlicher Weise Hand an ihn gelegt ist – verwandelnd,
umstülpend, rückbindend und alle Barrieren aus dem Weg räumend, die
das Aufstrahlen seiner innersten Quelle eingetrübt hatten. Daß ein
solcher Weg Durchhaltevermögen und stützendes Geleit braucht, sei hier
erwähnt – später dazu mehr.
Ein nächster Aspekt des Initiatischen könnte
folgender sein: Wenn der Mensch nicht verlernt, die Geschehnisse
seiner Außenwelt einen Moment lang als Spiegelungen seiner Innenwelt
zu betrachten, können sich ihm neue Perspektiven der Handhabung und
Beantwortung erschließen.
Wohlgemerkt: einen Moment lang! Aber ich glaube, wenn wir die aus der
Alchemie bekannte Analogie zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos,
zwischen Innen und Außen für einen Augenblick bis in unsere konkrete
Lebenswirklichkeit hinein gelten lassen, öffnen sich andere
Erkenntnisräume: Unfaßbare, jenseits aller Verstehensgrenzen liegende
Geschehnisse im Außen erscheinen als Verkörperungen innerseelischer
Prozesse. Die makrokosmische Weltenseele durchlebt ähnliche
Entwicklungen wie die mikrokosmische Menschenseele. Allemal auf einem
initiatischen Weg ist die Menschenseele vertraut mit innersten Kämpfen
zwischen unterschiedlichen Impulsen, zwischen gegnerischen Parteien,
die sich gegenseitig auszulöschen versuchen. Alle kompromißwilligen
Versöhnungsbemühungen scheitern; mitunter erlebt der Mensch diesen
Prozeß, wie wenn er mehrere Tode zu durchschreiten hat. Besonders
konflikthaft wird es, wenn nicht nur ein Kampf im Innen, sondern auch
zwischen Innen und Außen entfacht. Die Forderungen des Außen und
diejenigen des Innen sind vielfach einfach nicht unter einen Hut zu
bringen. Alles verzweifelte Schreien nach dem Warum nützt nichts. Der
Kampf muß sein, weil sich in ihm die Geburtswehen einer
dahinterliegenden neuen Formgültigkeit verstofflichen. Und jeder, der
davon betroffen ist, wird sich prüfen, ob er mehr ein kontemplativer
oder mehr ein apostolischer Geburtshelfer für diesen seinen eigenen
Prozeß ist. Ich bin froh um diejenigen Menschen, die es als Auftrag
ihrer Inbildkraft erleben, in die Krisengebiete der Welt
hineinzufahren, um vor Ort, innen wie außen, Hand anzulegen; oder die
sich aufgefordert wissen, in politischen, sozialen, kirchlichen
Organisationen apostolisch mitzuwirken.
Als Bild des kontemplativen Geburtshelfers möchte ich die Geschichte
vom Regenmacher anführen: "In einem Dorf hatte es lange nicht
geregnet. Alle Gebete und Prozessionen hatten nichts genützt, der
Himmel blieb verschlossen. In der größten Not wandte sich das Dorf an
den Großen Regenmacher. Er kam und bat um eine Hütte am Dorfrand und
um Brot und Wasser für fünf Tage. Dann schickte er die Leute zu ihrer
täglichen Arbeit. Am vierten Tag regnete es. Die Menschen kamen
jubelnd von ihren Feldern und Arbeitsplätzen und zogen vor die Hütte
des Regenmachers, um ihn zu feiern und nach dem Geheimnis des
Regenmachens zu fragen. Er antwortete ihnen: 'Ich kann keinen Regen
machen.' 'Aber es regnet doch', sagten die Leute. Der Regenmacher
erklärte ihnen: 'Als ich in euer Dorf kam, sah ich die äußere und
innere Unordnung. Ich ging in die Hütte und brachte mich selber in
Ordnung. Als ich in Ordnung war, kamt auch ihr in Ordnung und als ihr
in Ordnung wart, kam auch die Natur in Ordnung, und als die Natur in
Ordnung war, hat es geregnet'."
"Sich selber in Ordnung bringen" – die Wege dorthin sind sehr
verschieden; hineingesprochen in das "Innen wie außen und außen wie
innen" mag sich vielleicht ein neues Verstehen auftun.
Einen weiteren, mir wichtig erscheinenden Aspekt
des Initiatischen möchte ich ohne weitere Kommentierung nennen dürfen:
Wenn der Mensch nicht verlernt, inmitten der Gestaltung seines Lebens
hin und wieder den Tag seines Todes zu bedenken, durchströmt ihn der
Klang eines vertieften Daseins.
Der folgenden initiatischen Strukturkomponente
haftet der Geschmack des Paradoxalen an: Der heutige Mensch hat sich
zu wenig und zugleich zu sehr in den Mittelpunkt seiner Bemühungen
gestellt.
Trotz oder auch wegen der farbenprächtigen Vielfalt unserer
Lebensumstände, die sich nicht selten in ihrer Grelligkeit gegenseitig
zu überschreien versuchen, leiden wohl immer mehr Menschen darunter,
daß sie in ihrer unverwechselbaren Individualität in dieser Welt kaum
noch recht vorkommen, daß sie sich in ihrem tiefsten Kern, ihrem
innersten Selbst nicht mehr gemeint spüren können. In der
Perfektionierung der computertechnischen Ersetzbarkeit sind wir nicht
nur dabei, zahlreiche Arbeitsplätze wegzurationalisieren; der in
vielen Bereichen unübersehbar segensreiche technische Fortschritt hat
auch dazu geführt, daß die Seele in diesen digitalen Welten keine
Bleibe mehr gefunden hat. Still und heimlich ist sie vielerorts
ausgezogen, was im Lärm der intellektgesteuerten Maschinerie lange
Zeit kaum auffällt. Hier hat der Mensch sich selbst aus dem Auge
verloren; zwar hat er unzählige, Staunen erregende Ermöglichungen
errungen, allerdings mußte man an den Fahrkarten- und
Informationsschaltern der Bahnhöfe noch nie so lange warten wie seit
der Einführung der computergesteuerten Fahrkartenausgabe.
Zugleich müssen wir wohl auch achtgeben, daß wir uns nicht zu
sehr in den Mittelpunkt unserer Bemühungen stellen. Die Suche
nach eventuell noch vorhandenen Marktlücken tatsächlicher oder
gegebenenfalls auch suggerierbarer Lebensbedürftigkeiten kann doch
rasch zu einer gefangenmachenden Selbstumkreisung führen. Hier droht
Gefahr, daß Selbstverwirklichung steckenbleibt im mehr und mehr sich
aufblähenden Kreislauf von Bedürfnis und Befriedigung. Ein Anklang
hierzu ist das alte Sprichwort: "Sobald ein Wunsch erfüllt ist,
gebiert er bald darauf viele neue."
Wir wissen, wie sehr im Mittelpunkt des Werkes von Graf Dürckheim
und Maria Hippius der Mensch gestanden ist, wie sehr
initiatisches Arbeiten um den Menschen kreist; und zwar so sehr, daß
Dürckheim schreiben kann: "[Auf dem initiatischen Weg] geht es
letztlich gar nicht um den Menschen, sondern um das
göttliche Sein, d. h. darum, daß dieses Stufe um Stufe ins
Innesein treten kann und den Menschen fortschreitend zu einem
individuellen und personalen Medium seiner Manifestation verwandelt."
(Dürckheim, K. Graf (1986): Der Ruf nach dem Meister. Weilheim:
Barth, S. 146.)
Bevor ich auf die konkrete Umsetzung der
initiatischen Strukturelemente innerhalb der Rütte-Arbeit zu sprechen
komme, möchte ich noch einen letzten Aspekt anführen dürfen: Wenn der
Mensch seiner ureigenen Wahrheit auf der Spur bleibt, wird er immer
auch in liebender Begegnung mit dem anderen Menschen, mit dem Du
verbunden sein.
Vielleicht kommt beim hörenden Spüren auf das hin, was mit einem
initiatisch geprägten Leben gemeint sein könnte, der Eindruck auf, daß
es sich dabei doch um einen recht individuellen, singulären Weg
handelt. Dieser Eindruck trifft zu! Initiation und Individuation sind
den Menschen in seiner unverwechselbaren Einzigartigkeit meinende
Entwicklungskräfte. Jeder kann und muß seinen eigenen Weg
gehen; niemand kann dem anderen in der Tiefe oder auch in der Höhe
etwas abnehmen, so daß ihm ein bestimmter Weg-Abschnitt erspart
bliebe. Aber: So sehr zwei oder drei je alleine ihren eigenen Weg
gehen, so sehr können sie gerade darin miteinander verbunden sein,
daß sie einen Weg gehen, daß sie also daran arbeiten, der
zu werden, der sie vom Grunde ihres Wesens her sind. Und wie sehr aus
dieser Art Weg-Gefährtenschaft, aus dieser Gemeinsamkeit eine
Kraft erwachsen kann, weiß derjenige zu schätzen, der in Stunden der
Einsamkeit sich daran stärken konnte.
Ein anderes ist das Weg-Geleit, das auf denjenigen Etappen
notwendig wird, auf denen der einzelne alleine nicht mehr weiterkommt.
Hier bedarf es regelrecht des anderen, des weg-erfahrenen
Menschen, auf daß in dialogischer Erweckung neue Orientierung und
weiterleitende Führung erwachsen können.
Ein weiteres jedoch ist meines Erachtens das bedeutsamste: Am Grunde
oder in der Mitte seiner je eigenen Individualität angelangt, lebt im
Menschen das Herz und mit ihm die Kraft der Liebe. Hier,
so glaube ich, kann der Mensch gar nicht anders, als sich in
dialogischer Bezogenheit durchwirkt zu wissen – auf ein göttliches wie
auch auf ein menschliches Du hin. In dieser Liebe steht das Herz als
Synonym für eine ganz-menschliche Verfaßtheit; der Mensch ist
wesentlich und damit eigentlich geworden. Und aus der Gnade
dieser Wesensverankerung heraus gereicht ihm die Begegnung mit dem
anderen zu einer gegenseitigen Berührung im Raum der Liebe.
Initiatisches Leben umfaßt – wie Maria Hippius sagt – den
Stufengang der Individuation. Dieser Weg der Wandlung kennt Opfer,
Tribute, Brückenzölle; er kennt das Betreten neuer Lebensräume, das
Entdecken ungeahnter Gestaltungskräfte und das Freilegen individueller
Authentizität; und in all dem sucht der Mensch das dialogische Band zu
dem, der auch auf dem Weg ist: die communio mit dem
Mit-Menschen.
Als Zwischenfazit möchte ich an dieser Stelle
formulieren, daß nach meiner Einschätzung vor dem Hintergrund der
heutigen und auch zukünftigen Weltentwicklung wir uns ein
initiatisches Verstehen von Leben und Sterben, von Leben und
Über-Leben, nicht nur "leisten" sollten; vielmehr scheint mir der
Bezug auf das Initiatische, die Verankerung im Wesen, das Anhaften am
tiefsten Kern immer wieder neu die Voraussetzung und die Grundlage für
die Weltgestaltung zu sein.
Das Spektrum initiatischer Strukturelemente ließe
sich um ein Vielfaches erweitern. Ich möchte es bei den hier genannten
belassen und mich im letzten Teil meiner Überlegungen mit der Frage
befassen, wie in Rütte in der täglichen Arbeit mit Menschen
Initiatisches konkret wird. Voranstellen möchte ich, daß diese
Verwirklichung selbstverständlich nicht an den Ort Rütte gebunden ist;
vielmehr geschieht Rütte-Arbeit überall dort, wo initiatische
Begleitung des Menschen sich ereignet.
Dimensionen des initiatisch-therapeutischen Arbeitens
in Rütte
Die nachfolgende Auswahl von zwölf Dimensionen der
initiatischen Arbeit in Rütte ist subjektiv; d. h. sie erhebt
keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit, geschweige denn auf
Vollständigkeit. Vielmehr möchte sie unterschiedliche Blickpunkte
beleuchten, die in meiner Wahrnehmung wertvolle Besonderheiten des
initiatisch-seelenheilkundigen Arbeitens mit Menschen darstellen. Die
Initiatische Therapie tut gut daran, keine allein seligmachende
Exklusivität für sich proklamieren zu wollen; das widerspräche
sicherlich dem Anliegen ihrer Begründer. Es gibt viele, sehr fruchtbar
wirkende psychotherapeutische Konzepte. Nicht selten hat ein Mensch
auf der Suche nach dem Zugang zu seiner Mitte bereits das eine oder
andere Konzept kennengelernt. Sein ganz persönliches Empfinden von
Stimmigkeit wird letztlich den Ausschlag geben, ob beispielsweise der
anthropologische Hintergrund der Initiatischen Therapie den Konturen
seiner individuellen Selbstwahrnehmung zu entsprechen vermag.
1. Das Bild vom doppelten Ursprung des Menschen
bedingt, daß sich initiatisches Arbeiten um die orientierende Ortung
des konkreten Menschen innerhalb der individuellen
Schöpfungswirklichkeit bemüht.
Das heißt, im Vordergrund steht weniger die Frage: "Was kannst Du? Wo
sind Defizite Deines funktionalen Lebensmanagements?", sondern eher:
"Wer bist Du? Wo stehst Du im Augenblick innerhalb Deiner
Seinswirklichkeit? Wie ist es gekommen, daß Du gerade dort stehst?
Welche vielleicht noch gänzlich insgeheime Sinnsignatur ist für Dein
Leben gestaltgebend wirksam?"
2. In welcher aktuellen Verfaßtheit auch immer ein
Mensch sich befindet, ist gerade diese der Ausdruck der jetzt gültigen
persönlichen Seinsform.
In letzter Konsequenz schließt ein solcher Standpunkt aus, einen
Menschen als psychisch krank klassifizieren zu wollen. Auch ist hier
das Konstrukt von der "Krankheit als Weg" eher unzutreffend.
Initiatischerseits ist statt dessen vom "Mensch-Sein als Weg"
auszugehen, wobei jedem Weg ganz unterschiedliche Etappen und
Formationen eigen sein können. Mögen einzelne von ihnen – gemessen an
einer schwer definierbaren Weg-Norm – noch so weit abseits liegen,
sind und bleiben sie dennoch die Sprache einer suchenden Seele.
Manchen Menschen sind dramatisch dunkle Weg-Abschnitte auferlegt, so
daß das Licht der reflektierenden Bewußtseins-Kraft nicht mehr
hinreicht, um den Weg zu erhellen. Hier kommen die personellen
Begleitmöglichkeiten auch in Rütte mitunter an ihre Grenzen. Ich wage
es aber dennoch nicht, selbst in diesen extremen Fällen in
struktureller Hinsicht die Begehbarkeit noch so dunkler Weg-Abschnitte
absolut auszuschließen.
3. Innerhalb der initiatischen Strukturelemente
hatte ich weiter oben vom "stützenden Geleit" gesprochen, auf das sich
zu beziehen dem voranschreitenden Menschen ermöglicht sein sollte. In
der Begleitung des Individuations-Prozesses liegt wohl das die
Rütte-Arbeit am treffendsten charakterisierende Wesenselement. Dem
Menschen dort zu begegnen, wo er im Augenblick steht, ihn dort
anzu"betreffen", um ihn von dort ausgehend eine gewisse Zeit kundig zu
begleiten, erfordert ein wohl nicht unbeträchtliches Maß an
fortwährender Prozeßarbeit auf seiten des Begleiters. Man muß als
Geleit-Gebender nicht alle Varianten des Schicksals erst selbst
durchlebt haben; aber die in der integrierenden Bearbeitung der
eigenen Schicksals-Signaturen erwachsende Reife ist das tragende
Vertrauens-Fundament, auf das der Geleit-Erfragende sich stützen
möchte.
4. Initiatische Prozeß-Arbeit meint die
Wiedergewinnung bzw. differenzierende Verfeinerung der leiblichen,
seelischen und geistigen Wahrnehmungs-Instanz.
Bekanntlich entschlüsselte Maria Hippius den Begriff
"Wahrnehmung" in "Wahrheit-Nehmung" und verwies damit auf die
Notwendigkeit, daß der in dieser Hinsicht besonders gefährdete Mensch
der Gegenwart dazu angehalten sei, seine leibliche, seelische und
geistige "Wahrheit zu nehmen", sein persönliches wie auch
überpersönliches Existential tastend zu begreifen. In der konkreten
Rütte-Arbeit geschieht dies auf dem Wege vielfältiger sinnenbezogener
Erfahrungs-Ermöglichungen; d. h. vor der reflektierenden, manchmal
auch abstrahierenden Koppelung an das verstehende Bewußtsein steht die
möglichst von jeder kontrollierenden Einengung unbelastete Erfahrung.
Und dabei kann Tiefes, Überwältigendes durch scheinbar Simpelstes
ausgelöst werden: das Ertasten eines Steines, die schlichte
Leib-Gebärde im Raum, der gewagte Kreide-Strich auf dem unberührten
Papier, das empfangende Spüren einer Leib-Berührung, der Klang einer
zum Schwingen gebrachten Instrumenten-Saite – dieses und anderes kann
im Menschen Ursprüngliches verlebendigen und ihn auf den Weg bringen,
verlorengeglaubte Impuls-Kräfte wieder wahrzunehmen.
Spätestens hier klingt der übende, exerzitienhafte Tonus der
Rütte-Arbeit an. Demnach ist veränderungsentscheidend, inwieweit sich
der einzelne einbringen kann in eine übende Gesamthaltung seiner
Persönlichkeit, die nach und nach wesensverstellende Blockaden
einzuschmelzen imstande ist.
5. Eine ganz besondere Bedeutung in der
Rütte-Arbeit kommt dem Leib bzw. dem leibbezogenen Tun zu. Die bei
Dürckheim gebräuchliche Erweiterung des "Körpers, den ich habe"
hin auf den "Leib, der ich bin" ist ein alle Medien der Initiatischen
Therapie durchziehender Prägungsfaden. Die Einleibung oder auch
Einverleibung aller göttlich-menschlichen Erfahrungsdimensionen ist
der Garant eines bis ins Stofflich-Konkrete hinein konsequenten
Individuationsweges. Was der Mensch "am eigenen Leibe" erfahren und
durchlebt hat, wird ihn in besonderer Weise zeichnen. Wohl nicht
umsonst beginnt unsere Zeitrechnung mit dem leibhaftig
gewordenen Gotteswort. Dabei ist meines Erachtens der Leib nicht nur
"Tempel des Heiligen Geistes"; vielmehr vereinen sich in ihm
unvermischt und ungetrennt Körper, Seele und Geist zu einer neuen
Einheit höherer Ordnung. Fortan kann den Menschen nur das wirklich
verwandeln, was dieser Komplexqualität seines leibhaftigen Seins zu
entsprechen vermag. Und hier ist der Reichtum der verschiedenen
initiatisch-therapeutischen Medien kostbar, weil sie eine aus dem Lot
geratene Existenzmitte wieder einzubalancieren vermögen – je nachdem,
ob "Schlagseite" mehr zum Himmel oder mehr zur Erde hin besteht.
6. Wer sich – aus welchem Ort auch immer innerhalb
Deutschlands oder darüber hinaus – zu einem Aufenthalt in Rütte
anmeldet, hat eine kürzere oder längere Zeit geplant, aus seinen
sonstigen Alltagsbezügen herauszugehen. Er läßt seine Wohnung, seine
Familie, seinen Beruf zurück, um für einen Moment seines Lebens quasi
in eine andere Welt einzutauchen. Für einige ist allein der Gedanke an
einen solchen vorübergehenden Ortswechsel bereits Erholung in sich,
nicht wenigen wird eher etwas mulmig zumute, aus der vertrauten
Umgebung zeitweilig herauszutreten. Allen gemeinsam ist, daß es
zunächst einige Tage braucht, um auch innerlich anzukommen. Auch die
in den verschiedenen Städten gewissermaßen "vor Ort" arbeitenden
initiatischen Therapeuten werden vermutlich bestätigen, daß es für
einen Menschen wichtig sein kann, für eine gewisse Zeit aus
seinem Alltagsleben herauszugehen und zusammenhängend Raum und Zeit
für sich selbst zu haben.
7. So sehr Rütte ein Ort ist – geographisch wie
auch innerseelisch –, an dem der Mensch einkehren und heimkehren kann,
indem er sein Heim, sein Alltags-Zuhause verläßt, so sehr ist
Rütte aber auch ein Ort, an dem der Mensch all-täglich werden
darf – und zwar in seiner absoluten Besonderheit.
Rütte ist eine Schule, eine Stätte der Einübung. Wer den inneren Faden
verloren hat, braucht eine Aus-Zeit, um sich wieder einzulernen in
initiatische Lebensqualitäten. Hat er den roten oder den goldenen
Faden wieder aufnehmen können, so gilt es, denselben einzufädeln in
das Gewebe des Alltags-Gewandes. Das heißt, erst die Bewährung im
Alltag, ganz gleich, wo dieser sich ereignet, ist die "Probe aufs
Exempel", ist also der Erweis, inwieweit sich das im initiatischen
Raum Erfahrene bereits individuell inkorporieren konnte. Die
verwandelnde Konsequenz ins Alltägliche hinein ist meines Erachtens
zugleich das entscheidene Kriterium für die Wirksamkeit und auch die
Seriosität jedweder therapeutischen Intervention. Wenn Dürckheim
den Alltag als Übung deklariert, so ist das Außergewöhnliche der
therapeutischen Aufarbeitung heilsam in das Gewöhnliche des
alltäglichen Lebensvollzugs eingearbeitet, mehr noch: im Gewöhnlichen
wird die Spur des göttlich Immanenten gesucht!
8. Mit dem Gesagten klingt an, daß initiatisches
Arbeiten therapeutische Kompetenz mit religiös-spiritueller
Transparenz duchlichtet.
Zweifelsfrei bedarf die WEG-begleitende Arbeit einer profunden
psychotherapeutischen Ausbildung. Daß diese Ausbildung in zumeist
jahrelanger "Weg-Erfahrung am eigenen Leibe" durchschritten wurde,
zeichnet die initiatischen Therapeuten in besonderer Weise aus. Erst
unter dieser Voraussetzung ist eine heilsame Übertragung auf den
anderen hin möglich und fruchtbar; denn direkt oder indirekt wird in
der therapeutischen Konstellation spürbar, ob der zugrundeliegende
Fundus nur eine erlernte analytische Methodik oder auch ein bereits
durchlebter Eigenprozeß ist. Ideal ist nach meinem Dafürhalten eine
gute Kombination aus beiden Aspekten.
Die kundige Handhabung psychodynamischer Vorgänge muß in hinreichendem
Maße bewährte analytische "Techniken" – hier gemeint als
"Kunstfertigkeiten" – zur Verfügung haben. Die Rütte-Arbeit im
besonderen aber geht noch einen wesentlichen Schritt weiter. In der
konkreten, tagesbewußten Begegnung zwischen Gast und Therapeut in der
sog. "Stunde" geschieht mittels der initiatisch-therapeutischen Medien
der Einbezug eines katalytischen Elements. Ob im Geführten Zeichnen,
in der Personalen Leibtherapie, der Arbeit mit Tonerde, mit dem
Schwert oder wo auch immer: In dem Moment, da sich der Gast mit der
ihm jetzt möglichen Sammlung dem katalytischen Geschehen hingibt, kann
es geschehen, daß sich der Raum des "Dahinter" auftut. Es ist der Raum
oder die Seinsqualität, die "hinter" den zahlreichen, auch
problematischen Bedingtheiten des jeweiligen Lebensschicksals liegt.
Die Bedingtheiten, Probleme, Nöte, Spannungen, Verstellungen und
Verhinderungen sind immer wieder im Gespräch so weit als möglich zu
analysieren und aufzuarbeiten. Initiatische Therapie will es aber
dabei nicht belassen. Zur erhellenden Analyse tritt bei ihr die
erweckende Katalyse, wie Dürckheim sagt; zur erhellenden
Auflösung von "Verklebungen", undurchdringlichen Schattenräumen,
nebulösen Projektionsschleiern tritt also die erweckende Einlösung,
der Sprung auf eine andere, neue Ebene umfänglicher Einheit. Erst hier
kommt der Mensch wirklich zu sich, darf sich berühren lassen von der
Zusage: "Du darfst sein! Du bist zutiefst in Der Ordnung!" Goethe
sagt: "So mußt Du sein!"
9. Die im katalytischen Akt aufgesuchte Berührung
mit dem Wesensgrund ist in sich ein religiöses Tun, ohne daß die Frage
konfessioneller Zugehörigkeit jemals gestellt werden müßte. In diesem
Sinne ist Initiatische Therapie wesensgleich mit der Auferweckung
toten oder todgeglaubten Lebens. Da eine solche Wiederbelebung
jenseits der natürlichen Gesetzmäßigkeiten aber nur gelingen kann,
wenn das gemeinte Leben in seinem Mark getroffen wird, muß
Initiatische Therapie in ursprünglichster Bedeutung Kern-Therapie
sein. Nucleus heißt es im Lateinischen und bedeutet die im
kleinsten Samen-Kern enthaltene Wachstumsinformation und Potentialität
für die ausgewachsene Gesamtgestalt. "Wenn das Weizenkorn nicht in die
Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt
es reiche Frucht" (Joh 12,24). Nuklear-Physik z. B. sagt der
Naturwissenschaftler und meint die hochdynamischen Prozesse, die sich
innerhalb des Atomkerns und in seinem Umfeld ereignen können. Beide
Assoziationsaspekte – das Samenkorn und der Atomkern – können und
sollen auch mit der Initiatischen Kern-Therapie in analoge Verbindung
gebracht werden.
10. Der zeitliche und räumliche Ort, an dem sich
diese religiös-psychodynamischen Entwicklungsvorgänge verdichten, ist
innerhalb der Rütte-Arbeit schwerpunktmäßig die Einzelstunde. Nach all
dem bisher Gesagten mag verständlich werden, warum ich die
Einzelstunde mit einem temenos gleichsetze.
Religionsgeschichtlich war der temenos ursprünglich der heilige
Hain, ein der Gottheit geweihter offener Kultbezirk. Ich muß zu einem
solchen Vergleich greifen dürfen, um annähernd umschreiben zu können,
welch absolutes existentiales Geschehen sich in einer initiatischen
Einzelstunde vollziehen kann. Der den Weg Gehende wie auch der den Weg
Begleitende: Beide betreten einen gemeinsamen Raum und eine gemeinsame
Zeit, um sich – wenn es ihnen geschenkt ist – von der numinosen
Überraumzeitlichkeit berühren zu lassen. Beide mögen aber nicht
vergessen: Oft bedarf es einer beiderseits schweißtreibenden Arbeit,
um mit der Schaufel oder auch mit bloßen Händen schattenverschüttete
Zugänge zum Wesenskern frei zu legen.
11. Einen weiteren Anklang an die
religiös-spirituelle Dimension der Rütte-Arbeit sehe ich in dem
Christus-Wort (Mt 18,20): "Denn wo zwei oder drei in meinem Namen
versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." In der
initiatisch-therapeutischen Einzelstunde kommen zwei Menschen
zusammen; nennen wir sie hier "Therapeut" und "Gast". Sie arbeiten an
der vom Gast eingebrachten Existenzsignatur unter Zuhilfenahme der vom
Therapeut einzubringenden prozesskundigen Kompetenz. Das ist
gewissermaßen die therapeutische Dimension der Rütte-Arbeit;
initiatisch ist sie, indem sie in die größtmögliche
Bedeutungstiefe des griechischen Herkunftswortes therapeuein
vorstößt: "behandeln", "heilen" und dann eben "dienen".
Initiatische Therapie ist der Dienst am ganz Anderen, ist
Gottes-Dienst im Menschen-Dienst, ist Wegbegleitung für das
Überweltlich-Göttliche im Menschen-Kern. So gesehen kann
Initiatische Therapie gar nicht anders als auch religiös-spirituell zu
sein – nicht in bekennenden Glaubens-Worten, sondern vielleicht eher
in Momenten der gemeinsamen Stille, im schweigenden Horchen.
12. Letztlich ist es inmitten des ganz Einen
Menschen dieses ganz Andere, das das eigentlich Heil-Machende
beinhaltet. Letztlich ist es das innerste Heil-Sein des
Menschen, zu dem vordringen zu dürfen das Feuer unserer Sehnsucht ist. |